Montag, 23. Februar 2015

Nerven und kaltes Blut: ein Schauermärchen aus dem Schnee

Schnee ohne Ende in Harstad. Unglaublich. Wobei: hier in der Stadt geht es noch. Kaum bin ich ein wenig in den Hügeln, wirft Frau Holle mit der grossen Schaufel Schnee hin. Von wegen klarem Himmel heute Abend. Das ist die definitive Falschprognose der Wetterfrösche gewesen. Zwischen 21.00 und 24.00 Uhr drehe ich meine Runden. Bis ich sage: fertig, ich muss schlafen - sonst kommt das am Montag mit der Heimreise nicht gut. 

ABER: in diesen drei Stunden brauche ich echt Nerven und kaltes Blut. Es braucht ja viel, bis es mir richtig unwohl wird und ich es mit den Nerven habe. Heute Nacht war es so weit. Und das kam so:

Der erste mögliche Fotostandort erwies sich als suboptimal. Zwar eine gute Stelle direkt am Wasser, aber leider viel zu hell erleuchtet. So ziehe ich weiter zur Nummer zwei. Elgsnes heisst der Standort, ganz am Ende einer Halbinsel. Total einsam. Es muss dort draussen wirklich superschön sein. Ich fahre also in diese Richtung. Bald wundere ich mich. Es geht aufwärts ohne Ende. Nicht wenig, nein, so richtig bergmässig. Dazu kommen der starke Schneefall und schlechte Sicht. Irgendwann hat es keine Strassenlampen und Häuser mehr. Dafür erfassen die Autoscheinwerfer immer mehr tief verschneite Tannen im Wald. Und es geht aufwärts. Es hat viel Schnee. Das Auto bekundet Mühe. Ich fahre weiter. Man gibt ja nicht so schnell auf. Es schneit.

Nach endlos scheinenden Kilometern wird es endlich flacher. Wo bin ich hier, wie hoch ist es? Eine Karte wäre nett. Aber die hat Mann leider nicht. Ich fahre weiter und denke: komisch, wo ist denn hier das Meer? Das muss doch irgendwo unten sein. Ich komme an einem parkierten Bus vorbei. Es leuchten Taschenlampen. Ich glaube ich spinne. Am Strassenrand stehen tief vermummte Gestalten mit in Plastiksäcken verpackten Fotokameras auf Stativen. Eine Touristengruppe auf der Jagd nach Polarlichtern. So schlecht kann es hier somit nicht sein. Es schneit wie verrückt. Die Touris sind dick verschneit. Zum Glück haben sie ein Tipi, in welchem ein Feuer brennt, sehe ich aus dem Augenwinkel. Ich fahre weiter. 

Dieser Entscheid hätte mich um ein Haar ins Verderben geritten. Die Strasse geht plötzlich steil runter. Ich kurve vorsichtig hinab. Und denke bloss: wie um Himmelswillen komme ich hier jemals wieder hoch? Mein Mietauto ist nicht gerade der Hammer mit seinen kleinen Rädchen und dem 2-Rad Antrieb. Ich vermisse meinen Volvo XC70 mit den vier Zahnrädern. Ich fahre weiter. 

Und plötzlich sage ich: Fertig lustig, umdrehen. Das kommt gar nicht gut. Denn die Strasse fällt so richtig steil runter. Und es schneit. Wie verrückt. Ich sehe kaum etwas. Drehe das Auto um und schon geht es los: Anfahren? Guter Witz. Drehen an Ort ist angesagt. Ich örgele und dank Handbremse und Fingerspitzengefühl krieche ich bald im 1. Gang den Berg wieder hoch. Kaum schalte ich, ist fertig lustig. Zu wenig Tempo für den 2. Gang. Wieder runter in den 1. Gang. Komme ich hier jemals wieder hoch? Schneeketten wären echt eine gute Sache. Nun, am Ende schaffe ich es mit Ach und Krach wieder hoch. Die Schneemonster mit Kameras stehen immer noch im Schilf. Tröstlich. Es hat immerhin Menschen in der Gegend. Aber sonst? Da ist einfach gar nichts. Kalt ist es mit -4 Grad auch. Im Auto übernachten wäre nicht wirklich gemütlich.

Ich kriege Hunger. Diese Aktion hat Nerven gekostet. Bald sehe ich wieder Strassenlampen und Häuser. Uff. Geschafft. An einer Tankstelle, die noch offen hat - oh Wunder, mampfe ich einen Hamburger in Wurstform. Egal was, Hauptsache Futter. Das tut gut. Ich gehe nochmals an Standort Nummer 1. Dabei kommt mir der Bus mit den Touris entgegen. Haben sie aufgegeben? Ja, denn es schneit immer noch wie verrückt. Schneeräumen ist angesagt, da ist um Mitternacht alles draussen was sie haben. Traktoren, Bagger, Lastwagen. 

Die Touris wohnen offenbar im Scandic-Hotel. Beim Heimfahren sehe ich die vermummten Gestalten ins Hotel schlurfen. Ich habe mein Zimmer im Thon-Hotel. Da hat es ein Rudel Japaner. Die warteten offenbar im Hafen drüben auf Polarlichter. Sie schleppen Kameras und Stative ins Hotel. Übungsabbruch auch hier.

Für mich ist ebenfalls Ende angesagt. Es schneit immer noch. Das bringt wirklich nichts mehr. Mit dem Foto meines verschneiten Autos verabschiede ich mich ins Bett. Ach ja: Elgsnes habe ich über Google nochmals genauer angeschaut. Das interessante Detail, welches mir entgangen ist: Der Weg in den Weiler führt über einen veritablen Berg. Im Sommer sicher 1a für Aussicht und zum Wandern. Aber jetzt? Eher nervenaufreibend, wenn man einfach so ins Weisse fährt. Und ja: es schneit. 

Elgsnes Bergstrecke - fast das Verderben

Es schneit, und schneit, und ...